Festivalschwerpunkt

Wir alle glauben, aber an was? Ob es der Glaube an Gott, Wunderheilungen, Feen, Astrologie, UFOs, an das Gute im Menschen oder politische Weltbilder ist, der sinnstiftend auf das Leben eines Menschen wirkt – ganz allgemein steht der Begriff GLAUBE für feste Überzeugungen, die sich einer Beweisführung hartnäckig entziehen. Sommerblut wird sich mit Glaubensfragen beschäftigen und der Kernfrage auf den Grund gehen, ob der Glaube eher positive Kräfte wie Lebensmut und Zuversicht bestärkt oder Ängste und Verunsicherungen auslöst.

Glaube ist vielfältig und gehört zum Menschen wie sein Verstand. Glaube ist nicht auf Religionen beschränkt. Er kann dem Leben Richtung und Sinn verleihen, Vertrauen in eine grundlegende Ordnung schaffen, identitätsstiftend für den Einzelnen und eine Gruppe wirken oder als moralischer Kompass dienen. Das schafft Orientierung in einem Chaos aus Möglichkeiten, Ungewissheiten und Schicksalsschlägen. Es ist sogar wissenschaftlich bewiesen, dass Glaube das subjektive Wohlbefinden steigert und der Gesundheit förderlich ist.

Mit dieser Erkenntnis könnte die Menschheit doch eigentlich gut leben und müsste sich nicht weiter darum kümmern, was genau die Überzeugungen einzelner Menschen oder Glaubensgemeinschaften sind. Der eine glaubt, dass es Gott gefällt, wenn er mehrmals täglich zu bestimmten Zeiten betet und dabei einen bestimmten Bewegungsablauf ausführt. Der andere glaubt, er könne das Schicksal günstig stimmen, wenn er dreimal auf Holz klopft bevor er ausspricht, dass er bislang von der Grippe verschont geblieben ist.

Doch da gibt es offensichtlich ein Problem: Glauben heisst, nicht zu wissen. Gerade das aber führt dazu, dass Menschen ihren Glauben mit Zähnen und Klauen verteidigen. Denn wer an das eine glaubt, der schließt anderes aus. Viele Glaubensinhalte sind nicht verhandelbar und können nicht in Kompromissen modifiziert werden, da es sich um grundlegende Überzeugungen handelt, die nicht faktisch und logisch zu beweisen sind. Man glaubt an etwas, und je überzeugter man von seinem Glauben ist, desto weniger kann man andere Glaubensvorstellungen gelten lassen.

Dies führt zu leidenschaftlich geführten philosophischen und theologischen Debatten, zum Beispiel um die Frage nach einem Gottesbeweis. Douglas Adams lässt in seiner Sience-Fiction-Komödie ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘ Gott selbst dazu zu Worte kommen: „Ich weigere mich, zu beweisen, das ich existiere“, sagt Gott, „denn ein Beweis ist gegen den Glauben, und ohne Glauben bin ich nichts!“ Als der Mensch einen unwiderlegbaren Gottesbeweis vorträgt, heisst es weiter bei Douglas Adams: „Ach, du lieber Gott“, sagt Gott, „daran habe ich gar nicht gedacht“, und löst sich prompt in ein Logikwölkchen auf.

Aber wenn es um den „einzig wahren“ Glauben geht, ist es mit dem Spass schnell vorbei. Man muss gar nicht so weit gehen, an die Verfolgung religiöser Minderheiten und Zwangskonversion Andersgläubiger zu denken – schon innerhalb einer Religionsgemeinschaft kommt es immer wieder zu Zerwürfnissen über Glaubensfragen, die in blutige Religionskriege münden können.

Die Verbindung von Glaube und Kunst hat archaische Wurzeln, denn die Ursprünge aller Kunstformen sind vom Glauben nicht zu trennen. Die Malerei begann mit Tierbildern auf Höhlenwänden im Kontext von Jagdritualen, die ersten Trommeln wurden zur Anrufung von Ahnengeistern und Totemtieren geschlagen, Tanz und Schauspiel entstanden, um mit den Göttern in Kontakt zu treten oder ihre Geschichten in rituellen Handlungen den Gläubigen zu vermitteln, und die eindrucksvollsten Bauwerke sind entstanden, um dem Kult einen würdigen Ort zu errichten.

Selbst die Kunstfeindlichkeit mancher Glaubensgemeinschaften kann im Glauben selbst verankert sein, wenn Schönheit mit Verführung und Rausch mit unkontrollierbarem Teufelswerk gleichgesetzt wird.

Auf der langen Strecke zwischen Renaissance und Romantik löste sich die enge Verbindung von Kunst und Religion. Im Zuge der Säkularisierung wandte die Kunst sich neuen Themen zu. Nun konnten nicht-religiöse Glaubensinhalte wie politische Ideologien stärker in den Vordergrund treten und in der Kunst zum Ausdruck gebracht werden oder sich ihrer bedienen.

2019 findet das Sommerblut Kulturfestival vom 25. Mai bis zum 11. Juni statt, und in diesen Zeitraum fällt auch das Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan. Während des Ramadan verzichten gläubige Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Speisen und Getränke. Das Fastenbrechen bei Sonnenuntergang ist der Auftakt zu einer nächtlichen Zeit des Feierns und des Gebets. Mit seinem vielfältigen Brauchtum – insbesondere auch in kulinarischer Hinsicht –  hat der Ramadan Ähnlichkeit mit der christlichen Adventszeit.

Ein wichtiger Bestandteil des Festivalprogramms werden Kooperationen mit den vielen unterschiedlichen Religionsgemeinschaften sein, die in Köln beheimatet sind. Das gegenseitige Kennenlernen religiöser Traditionen und Feierlichkeiten ist ein wichtiger, erster Schritt in Richtung auf Toleranz und Akzeptanz von Unterschieden.